Ein Fuß hebt sich langsam und schwebt für einen kurzen Moment über einer Treppenstufe in der Luft, bevor er herabsinkt, um die nächste Stufe zu suchen. Menschen steigen in Zeitlupe eine Treppe hinab und geben dabei den Blick auf einen auf der Treppe liegenden menschlichen Körper frei. Ihre Bewegungen wirken geisterhaft und trotz ihrer Langsamkeit sprunghaft und fahrig. Ihre abwärts strebenden Bewegungen umgibt eine Aura verzerrter Pixel, als würden sie einen Gerinnungsvorgang auslösen, durch den sie sich aus dem Gesamtzusammenhang des Bildes lösen würden. Das Auftauchen des leblos wirkenden Körpers wirft die Frage auf, weshalb keine*r der Passant*innen ihre*seine ohnehin mühsam erscheinende Bewegung unterbricht, um zu verweilen und sich um den am Boden Liegenden zu kümmern.
Ich befinde mich auf dem Gelände des Santa Monica College. Hier findet in genau 20 Minuten eine groß angelegte Katastrophenschutzübung im Rahmen des Great Shake Out Day statt. An diesem Tag – dem 20.10.2022 – wird genau um 10:20 Uhr an vielen Orten in Los Angeles und darüber hinaus in den gesamten USA ein Erdbeben inszeniert, um das Verhalten im Notfall zu üben. "Drop, Cover & Hold On" steht in großen Comicbuchstaben auf dem Truck, der vor mir auftaucht und sich als Erdbebensimulator entpuppt. Grund der Übung ist die Erwartung eines realen Erdbebens der Stärke 9 — eines "Big One", dessen Auswirkungen so verheerend wären, dass offizielle Notfallmechanismen versagen würden und Kommunikations- und Infrastrukturen vorübergehend zusammenbrächen. Denn Los Angeles liegt auf der San-Andreas-Verwerfung, einer der plattentektonisch aktivsten Regionen der Erde. Ein Mann steigt in den wie ein Wohnzimmer eingerichteten Truck und stellt sich in erwartungsvoller Pose in die Mitte des Raumes. Sekunden später beginnt der gesamte Raum, sich ruckartig zu bewegen. Rosafarbene Plüschtiere und ein Rucksack, auf dem "Ready America" steht, fallen aus den Regalen. Der Mann geht in die Knie und sucht Schutz unter einem Tisch, an dessen Beinen er sich festhält.
Der Eingangsbereich eines Hauses ist mit Blumen dekoriert. Die Ruhe des Bildes wirkt fast friedlich, wäre dort nicht der Körper einer älteren Frau, die, notdürftig auf eine Decke gebettet, am Boden liegt. Das Detail der Decke schließt einen unmittelbaren Sturz aus. Entweder muss sie selbst sich für diesen Platz entschieden haben, oder jemand anderes hat ihr die Decke nachträglich untergeschoben. Beide Möglichkeiten scheinen unrealistisch. Weshalb sollte sich jemand wie ein Hund auf den Treppenabsatz des Hauses legen, um zu schlafen? Wieso sollte sich jemand, im Falle eines Notfalls, die Mühe machen, der am Boden Liegenden eine Decke unter- und nicht überzulegen, wozu der ganze Körper bewegt werden müsste?
Mehrere Vertreter für Notfallausrüstung haben ihre Stände auf dem Campusgelände aufgebaut und präsentieren ihre Produkte. Die Anbieter nennen sich Quake Kare, Quake Hold! oder Ready America und verkaufen Produkte von Notnahrung über Erste-Hilfe-Ausrüstung bis hin zu Selbstverteidigungsutensilien und Waffen. Die einzeln eingeschweißten Gegenstände erinnern an Actionfiguren. Ich frage mich, ob ihr Spielzeugcharakter den Anforderungen eines realen Bebens gewachsen wäre. Auf verschiedene Katastrophenszenarien abgestimmte Kits erwecken eher den Eindruck, für das Planspiel produziert worden zu sein. Ein ungepflegt aussehender Mann, der einen Koffer hinter sich herzieht und so wirkt, als führe ihn der Zufall her, tritt aus dem Nichts zu mir an den Stand und fragt mich unvermittelt, ob ich den "Ring of Fire" kenne. Er meint den sich um den Pazifik erstreckenden Vulkangürtel, in dem Seismik und Vulkanismus besonders eng miteinander verbunden sind und der ein Teil der geologischen Formation ist, von der die erhöhte Erdbebengefahr in Kalifornien ausgeht. Scheinbar nicht mit einer Antwort rechnend, beginnt der Mann, sich über die Ausrüstungsgegenstände lustig zu machen, und erklärt, dass ihn einzig und allein sein Glaube an Gott im Falle einer Katastrophe schützen und dieser für ihn sorgen werde.
Auf einer Wiese in einem Wohngebiet fallen Menschen, die grüne Westen tragen, langsam und synchron auf die Knie. Sie beugen sich vornüber und falten die Hände über dem Kopf. Einer von den Knienden hebt einen weißen Klappstuhl über sich, als wollte er seinen Körper vor herabfallenden Gegenständen schützen. Was könnte ihn hier unter freiem Himmel in dieser Weise bedrohen? Fürchtet er, der Himmel selbst könnte auf ihn herabstürzen? Zwischen den am Boden kauernden Personen steht ein einzelner Mann in Uniform. Diese und einige Papiere in seiner Hand verleihen ihm Autorität. Gelten die eingenommenen Posen ihm oder einer außerhalb des Bildes liegenden höheren Macht?
Rettungssanitäter, Polizisten und Ersthelfer haben bereits ihre Position eingenommen und warten auf den Start des inszenierten Desasters. "Drop Cover & Hold On" lese und höre ich immer wieder – dies ist der Merksatz der US-amerikanischen Earthquake Country Alliance, der nicht nur wie ein Mantra wiederholt wird, sondern ebenso, auf Flyer, T-Shirts und Tassen gedruckt, die Menschen daran erinnern soll, was im Falle eines plötzlich auftretenden Erdbebens zu tun ist. Es erscheint etwas sonderbar, dass dieser Satz so exzessiv wiederholt wird. Als löste das Erdbeben eine Art Amnesie aus, die die Menschen selbst die einfachsten Handlungsanweisungen und Bewegungsabläufe vergessen ließe. Ich begebe mich an den zentral gelegenen Empfangstresen der Eingangshalle und wechsle einige Worte mit dem jungen Mann, der dort sitzt und auf sein Smartphone schaut. Kurze Zeit später ertönt eine Stimme aus nicht eindeutig zu verortenden Lautsprechern: "This is a test, this is a test!" (Sirenengeräusche)
"Earthquake, earthquake! Expect shaking! Drop, cover and hold on! Protect yourself now! This is a test!" Der junge Mann bleibt auf seinem Stuhl sitzen und schaut sich verunsichert um. Dann sagt er zu seiner Kollegin, das sei nur die Telefonanlage, und er glaube, es handle sich um einen Test und dass in Kürze noch einmal eine richtige Durchsage komme, mit der die eigentliche Übung dann beginne. Es sei erst 10:19 Uhr und noch nicht 10:20 Uhr. Er schaut wieder auf sein Smartphone. Ich sage ihm, dass meine Uhr bereits 10:20 Uhr anzeige. Er ist deutlich irritiert. Dann entschuldigt er sich kurz bei mir und sagt, er müsse jetzt in Deckung gehen. Dann verschwinden er und seine Kollegin unter dem Tresen. Die gesamte Eingangshalle ist von einer Stille erfüllt, die an den Augenblick erinnert, in dem eine Silvesterrakete trotz abgebrannter Zündschnur nicht abhebt, um zu explodieren.
Auf einer Treppe im hinteren Teil des Foyers saß bis eben ein weiterer junger Mann, der auf sein Handy blickte. Zögerlich steckt er es in seine Tasche und legt sich langsam an Ort und Stelle hin. Einige Minuten geschieht nichts. Kurze Zeit später kommt eine Gruppe von Schüler*innen und Angestellten aus der ersten Etage. Sie steigen ruhig und beinahe gelangweilt am auf der Treppe liegenden Körper vorbei, die Treppe hinab und verlassen das Gebäude. Wieder passiert einige Zeit nichts. Dann endlich kommt ein Rettungsteam aus Polizeikräften, Feuerwehrleuten und Sanitäter*innen. Sie haben eine Trage bei sich und gehen zielstrebig auf die Treppe zu, steigen die Stufen, ohne den dort Liegenden zu beachten, hinauf und verschwinden in der oberen Etage. Erst eine dritte Gruppe von Menschen, die bunte Helme tragen, bricht mit der Ignoranz und wendet sich mit einer Ansprache an den leblos wirkenden Körper, der nicht reagiert. Einer der Helmträger wird abgestellt, um den Körper zu bewachen. Die Ignoranz der Passant*innen steigert die Hilflosigkeit des auf der Treppe Liegenden auf ein Maximum. Doch die Unsicherheit und Irritation des nun untätig anwesenden Helfers fügt der Szene eine weitere und ungeahnte Dimension der Hilflosigkeit hinzu. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreicht dann endlich ein Rettungsteam die Treppe, das die Szene aufl.st, indem es dem Bewusstlosen einen Kopfverband anlegt, ihn auf eine Trage hebt und abtransportiert.
Mein Blick irrt orientierungslos durch den Raum und bleibt an einem auf dem Empfangstresen ausliegenden Flyer hängen. Ich lese: "You are the help until help arrives." Du bist die Hilfe, bis Hilfe eintrifft. Zunächst einmal kann dieser Satz als ein Aufruf zur Ersthilfe gelesen werden. Er ruft in Erinnerung, dass nicht immer professionelle Hilfe zur Stelle ist, wenn sie gebraucht wird, und appelliert an den Laien, durch ein Mindestmaß an Kenntnis und Übung eine lebensrettende Brücke bis zum Eintreffen der Notfallrettung zu bilden. In weiterer Betrachtung offenbart sich in diesem Satz jedoch auch eine grundlegende Logik sozialer und technischer Systeme. Denn solange diese wie gewohnt funktionieren, folgen deren Abläufe bestimmten vorgegebenen Regeln und Ordnungen. Jedes Element eines solchen Systems dient einem bestimmten funktionalen Zweck oder hat einen vorgesehenen Nutzen. Ein Stuhl dient zum Sitzen. Ein T-Shirt wird als Kleidungsstück verwendet, und ein*e Rettungssanitäter* in rettet Menschen in Not. Der Schock einer Katastrophe wirft diese Ordnung durcheinander. Stühle werden zu Tragen, T-Shirts zu Verbänden und Maurer*innen zu Rettungssanitäter*innen. "You are the help until help arrives" eröffnet in diesem Sinne einen utopischen Raum zwischen zwei funktionalen Systemzuständen und unterbricht für einen kurzen Moment die Logik und den Verlauf unserer regulären Wirklichkeit, in dem das Stellvertretende und Provisorische zum Eigentlichen und Echten wird. Was während des Alltags in Katastrophenschutzübungen immer nur als fiktives Szenario, als ein Schauspiel exerziert wurde, wird während der realen Katastrophe – und nur dann – zur lebensentscheidenden Realität. Menschen, die im echten Leben Schauspieler* innen in Katastropheninszenierungen sind, werden in der Unwirklichkeit der Katastrophe zu echten Retter*innen. In der Unterbrechung des regulären Programms durch die Katastrophe sind die sonst in die Abläufe des Systems integrierten Bestandteile sich selbst überlassen. Dieser anarchische Zustand führt einerseits zu Orientierungslosigkeit und Chaos, andererseits ist er ebenso ein Moment der Selbstverwirklichung, der Kreativität und Improvisation. Die Unmittelbarkeit der Katastrophe erfordert und begünstigt eigenverantwortliche Entscheidungen außerhalb gewohnter Bahnen. Die Not macht jedoch nicht nur erfinderisch, sondern sie zeigt auch – so scheint es – für einen kurzen Moment die wahren Gesichter der Menschen, die sonst unter den Masken ihrer gesellschaftlichen Rollen verborgen sind. Diese unvermittelte Wahrheit ist jedoch zugleich eine sehr einsame, da sie jede*n auf sich selbst zurückwirft. Beim Verlassen des Campus des Santa Monica College komme ich noch einmal mit einem der Teilnehmenden ins Gespräch und frage ihn scherzhaft, aber dennoch neugierig, ob er sich als einen Prepper bezeichnen würde. Er antwortet mir mit einer Unterscheidung, über die ich noch einige Zeit nachdenken werde: "You know, there is a difference between a prepper and a person who prepares. A prepper is someone who prepares for a worst case scenario and then hopes that it happens. A person who prepares is someone who prepares for a worst case scenario and then doesn’t want it to happen."
Sich auf den Ernstfall und die Katastrophe vorzubereiten, diese jedoch nicht herbeizuwünschen, um dann von diesen Vorbereitungen zu profitieren, hat etwas Selbstloses. Die Übung ist in diesem Fall nicht mehr Mittel zum Zweck, sondern wird vielmehr zum Selbstzweck. Vielleicht liegt die eigentliche Freiheit in dieser Form der Übung.
Die folgenden Bildstills sind Teil der Videoarbeit You are the help until help arrives. Die Aufnahmen/Sequenzen entstanden während der Katastrophenübung im Rahmen des Great Shake Out Day 2022 am Santa Monica College. Analog zur Unterbrechung der kontinuierlichen Prozesse durch die Katastrophe wurden die Sequenzen der Videoarbeit You are the help until help arrives so weit verlangsamt, dass die Brüche im Fluss des Films sichtbar werden und dessen Zusammenhang zu einer Reihe einzelner Bilder zerfällt. Die zum Vorschein gebrachten Umbrüche wurden anschließend durch die Interpolationen eines Algorithmus geglättet. Bei dieser Methode werden, ausgehend von den Unterschieden benachbarter Frames, neue computergenerierte Bilder erzeugt, mit denen die Lücken, die durch die verlangsamte Wiedergabe entstehen, gefüllt werden. Diese Bilder werden, ähnlich wie fiktive Katastrophenszenarien, auf der Basis von Vermutungen, Wahrscheinlichkeiten und Annäherungen erzeugt. Was im Bereich zwischen zwei Bildern tatsächlich passiert, kann ebenso wenig mit definitiver Sicherheit berechnet werden, wie der Verlauf einer Katastrophe präzise vorhergesagt werden kann. Jedoch können beide Lücken mit einer unendlichen Variation möglicher Szenarien und Entwürfe gefüllt werden. Fehlstelle und Bruch offenbaren sich damit nicht nur als Abgrund und Gefahr, sondern ebenso als Möglichkeitsraum und damit als eine Voraussetzung kreativer Prozesse und eines freien, selbstbestimmten Handelns.