Diese 11. Ausgabe des Neuwerks geht aus der Tagung Raum für Experimente: Beispielsweise Design und gestalterisches Forschen hervor, die am 12. und 13. Januar 2024 nach der Weihnachtspause an der BURG stattfand. Schon ein Jahr zuvor luden wir in den „Raum für Experimente“ nach Halle ein, um die Schnittstellen zwischen Design und der ethnographisch forschenden Anthropologie zu erkunden. Bereits damals ging es um die Frage, wie Design und Forschung zusammengehen. Ein Jahr später rückten wir dieses Thema noch entschiedener in den Mittelpunkt. Damit hat die Veranstaltung das Potenzial, sich zu einer regelmäßigen Reihe zu entwickeln.
Wir sind uns natürlich bewusst, dass wir nicht die ersten sind, die über das Verhältnis von Gestaltung und Forschung, von Theorie und Praxis nachdenken. An der BURG begann diese Diskussion in den 1970er-Jahren, als die Abteilung Theorie und Methodik der industriellen Formgestaltung gegründet wurde. Ihr erster Leiter, der Industriedesigner und Designtheoretiker Horst Oehlke, initiierte bald regelmäßige Kolloquien zu Fragen der Theorie und Methodik der industriellen Formgestaltung. Dieses interdisziplinäre Austauschformat an der Schnittstelle von Theorie und Praxis diente der kritischen Reflexion gestalterischer Praxis, der Erforschung ästhetischer und ethischer Maßstäbe und der Analyse der sozialen und kulturellen Wirkungen des Designs.
Die Designwissenschaftlichen Kolloquien knüpfen an dieses Format an, doch – wie der Untertitel Raum für Experimente andeutet – sind sie von einer wesentlichen Unschärfe in der Themenwahl geprägt. Wir nähern uns vorsichtig tastend den Fragen an und diese zurückhaltende Herangehensweise ist Programm. Ein weiterer Unterschied: Wir verstehen die designwissenschaftlichen Kolloquien als Lehr- und Lernformat, bei dem die Grenzen zwischen Lehrenden und Lernenden fließend sind. Der „Raum für Experimente“ wird so auf vielfältige Weise erlebbar.
In dieser Ausgabe stand die Forschung – genauer gesagt die gestalterische Forschung – im Fokus. Wollte man an Christopher Fraylings bekannter Unterscheidung von: research for art and design, research on art and design, research through art and design1 anknüpfen, würden drei Präpositionen – für, über, durch – ausreichen, um alle Verhältnisse von Forschung und Design zu beschreiben. Wunderbar, was für eine eingängige Ordnung! Doch wie bei vielen Kategorisierungen zeigt sich nach längerem Nachdenken, dass sie weniger trennscharf und eindeutig sind, als sie zunächst wirken. Zudem ist doch meist das am interessantesten, was aus dem Raster hinausfällt. Ein Beispiel: Wenn research mit Forschung übersetzt wird, fehlt dann in der Verhältnisbeschreibung von Forschung zu Design nicht das, was mit wissenschaftlichem Denken, wissenschaftlichen Methoden, wissenschaftlichem Selbstverständnis umschrieben und im Begriff Wissenschaft gebündelt werden kann? Wissenschaft. Und Forschung. Und Design. Forschung für, Forschung über und Forschung durch – bestimmen die verschiedenen Präpositionen also ein Verhältnis von Forschung zu Design (und zu Wissenschaft), bei dem das Verständnis, was mit Forschung, was mit Design (und was mit Wissenschaft) jeweils gemeint ist immer gleich bleibt bzw. dasselbe ist? Vermutlich eher nicht. Und apropos Präpositionen: Was ist mit Forschung in, an, auf, hinter, neben, unter, vor, zwischen oder gar gegen Design? Design als Präpositionalobjekt zu denken, führt offenbar in Einbahnstraßen.
Ein Blick in das Handbuch Künstlerische Forschung2 zeigt eine andere Möglichkeit der Kategorisierung. Statt nach dem Wesen von Forschung zu fragen, wird dort der Fokus auf konkrete forschende Praktiken gelegt. Dieser praxeologische Zugang hat den Vorteil, Gemeinsamkeiten zu betonen, statt immer weiter zu differenzieren. Er ermöglicht es, gestalterische Forschung als eine Tätigkeit zu begreifen, die neugierig fragt, erkundet, sammelt, analysiert – aber auch improvisiert, partizipiert, kooperiert, visualisiert, transformiert und interveniert, gebraucht, lehrt und vermittelt. Forschung ist eben nicht nur eine Methode, sondern eine Haltung.
Auf einmal ergeben sich viele Parallelen zu anderen Tätigkeiten der Wissensproduktion und es lassen sich spezifische Zugänge einer gestalterischen Forschung ausmachen. Dieser Zugang wirft aber auch eine politische Frage auf. Wenn Frayling von „research through art and design“ spricht, dann erhebt er einen bis dahin unbekannten, neuen wissenschaftlichen Anspruch: Er erhebt Design, seine Theorie und seine Praxis, zu einer spezifischen wissenschaftlichen Methode, die Erkenntnisse und neues Wissen schafft – ein Gedanke, den Nigel Cross als „designerly ways of knowing“3 bezeichnete. Durch die besonderen Weisen zu Denken sei das Design dem natur- und geisteswissenschaftlichen Forschen als dritte Möglichkeit gleichberechtigt zur Seite gestellt. Mit einigem zeitlichen Abstand muss diese Diskussion um Design als dritte Disziplin vor dem Hintergrund seiner Institutionalisierung im akademischen Betrieb gesehen werden – mit weitreichenden Konsequenzen: Drittmittel, Stellen, Lehrpläne und Studienabschlüsse; das Promotionsrecht mit dem Dr. Phil. Ein ehrwürdiger, akademischer Titel, der angibt, woher er kommt: Philosophie, Geisteswissenschaften, erkenntnisorientiert, textbasiert. Ist es das, was im Design gebraucht wird? Geht es in dieser Diskussion auch um die Frage, wie die akademische Welt Design als Disziplin wahrnimmt und wertschätzt?
Auch wir an der BURG stellten uns diese Fragen und beschlossen, den „Raum für Experimente“ zu öffnen, um das „gestalterische Forschen“ zu beleuchten. Im Sommersemester 2023 starteten wir ein Masterseminar, in dem Studierende und Lehrende Texte lasen, diskutierten und neue Denkansätze entwickelten. Dabei stießen wir auf vielfältige, teils abgelegene Quellen, von Raffaels Brief an Papst Leo X. De Medici von 15204 . Unter Mitarbeit von Mediarep. Org., in: Lorenz Engell und Bernhard Siegert (Hrsg.): Entwerfen. Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung, Band 1, Meiner, Hamburg 2012, S. 73–84.] bis hin zu zeitgenössischen Texten über Objektivität5 und künstlerische Forschung. Besonders inspiriert hat uns Anke Haarmanns Beschreibung der künstlerischen Forschung als ästhetisch-epistemische Praxis, die Situationen der „Mitvollziehbarkeit“ herstellt. Daran anschließend versteht Haarmann die künstlerische (gestalterische?) Praxis als Erkenntnis durch „Einsicht, welche das Sehen im Begriff des Verstehens mit eingebettet hat.“6
Doch die visuelle Wahrnehmung ist nur eine Quelle von Erkenntnis, wie uns einige Beiträge des Kolloquiums lehrten. Liegt die Stärke der Gestaltung nicht gerade darin, synästhetische Wahrnehmungsangebote zu machen und damit eine Vielfalt an Sinneseindrücken anzusprechen? Statt zu fordern, dass das Design sich den tradierten Wissenschaften angleicht oder seinen Exzeptionalismus zu betonen, könnte man den Spieß also auch umdrehen und im Anschluss an Gui Bonsiepe fragen, was Wissenschaft von Design lernen kann.7
Diese und viele weitere Fragen sind von den Studierenden aufgegriffen worden und bildeten den Ausgangspunkt der Planung des designwissenschaftlichen Kolloquiums. In diesem Rahmen wollten wir weiter präzisieren und verstehen, was gestalterische Forschung, genauer gesagt gestalterisches Forschen sein kann: Wie wird im Design durch Design geforscht? Welche Forschungsfragen sind so formuliert, dass sie besonders gut durch Design beantwortet werden können? Wie sehen spezifische Forschungsmethoden im Design und der Designforschung aus und wie werden sie entwickelt? Aus dem Wie ergab sich für uns die Frage nach dem Wo: Passiert Forschung am Schreibtisch zwischen Kaffeetassen und Büchern? In Laboratorien, in denen aus Pilzen neue Materialien wachsen? Im Studio, in dem neben Skizzenpapier und Post-its ein 3D-Drucker steht? Oder an alltäglichen Orten, an denen Designobjekte angeeignet, umgenutzt und repariert werden? Und natürlich waren wir neugierig zu erfahren, wer die handelnden Personen sind und warum sie sich mit gestalterischem Forschen beschäftigen. Wir wollten mehr darüber erfahren, wie relevant dieses Forschen für die Gesellschaft ist und welche neuen Denkansätze sich daraus ergeben. Und als Lehrende und Studierende des Studiengangs Design Studies interessierte uns besonders, wie sich gestalterische Forschung weiter in die Hochschullehre integrieren lässt und im nächsten Schritt kooperativer gedacht und gelehrt werden kann.
All diese Fragen standen im Mittelpunkt des designwissenschaftlichen Kolloquiums, das die Studierenden des Master Design Studies mit großem Engagement geplant und durchgeführt haben. Die Idee, eine größtmögliche Bandbreite unterschiedlicher Forschungsansätze abzubilden – „Schnitte durch das Hier und Jetzt“8 –, war auch hier leitend. Daneben war es ein Anliegen, die Forschungsaktivitäten an der BURG sichtbar zu machen. Und so entwickelten die Studierenden Formate, verfassten Calls, wählten Teilnehmer:innen aus, moderierten, organisierten, korrespondierten und präsentierten am Ende ein beeindruckendes Programm, das von konkreten Beispielen aus der Praxis über die Präsentation theoretischer Ansätze bis hin zu Überlegungen zur Lehre reichte.
Diese 11. Ausgabe der Neuwerk führt das Anliegen des designwissenschaftlichen Kolloquiums im Format einer Zeitschrift fort, allerdings handelt sich nicht um einen Tagungsband im herkömmlichen Sinne. Während in solchen Proceedings verschriftlichte Vorträge häufig eins zu eins abgedruckt werden, sind die Texte des vorliegenden Bandes das Ergebnis einer erneut intensiven Auseinandersetzung mit den Beiträgen des Kolloquiums. Dieser reflexive Akt in Gestalt eines Revisitings der Kolloquiumsbeiträge geschah in enger Kooperation mit den eingeladenen Beitragenden, die, teils mit konkreten Fragestellungen verbunden, dazu aufgerufen wurden, sich im Nachklapp erneut über einzelne Aspekte des gestalterischen Forschens vertieft Gedanken zu machen. Auf diese Weise haben die Herausgeber:innen selbst weitergeforscht und im Sinne wissenschaftlicher Praxis von der wunderbaren Möglichkeit des Nachhakens Gebrauch gemacht. Dass ein solches iteratives und partizipatives Vorgehen den Rahmen des klassischen Journal-Artikels möglicherweise sprengt, zeigt sich unter anderem in den zahlreichen Interviews, die mit Gestalter:innen, Lehrenden und Studierenden geführt wurden. Doch auch die übrigen Beiträge bekommen durch das vertiefende Nachfragen der Redaktion eine dialogische Qualität und können dadurch von den Leser:innen einfacher miteinander in Beziehung gesetzt werden.
All das war unglaublich viel Arbeit für eine studentische Redaktion. Nach der Planung und Durchführung einer Tagung auch noch eine derart umfangreiche Publikation zu stemmen, kommt einer Herkulesaufgabe gleich und wir, die Lehrenden in den Designwissenschaften, sind tief beeindruckt vom Engagement, der Ausdauer, der Beharrlichkeit und manchmal notwendigen Hartnäckigkeit aller Beteiligten. Das Ergebnis kann sich mehr als sehen lassen: Das Neuwerk #11 ist erfrischend anders als die bisherigen Ausgaben, auch weil es sich mitten in einem aktuellen Diskursfeld verortet und sich dem Thema multiperspektivisch und kontrastierend nähert. Das macht Lust, gemeinsam weiterzuforschen, weiterzudenken und weiterzudiskutieren – in, an, auf, hinter, neben, unter, vor, zwischen und gegen Design!